Energie & Industrie
Warnung vor hohen Industriestrompreisen: Die Krise in Großbritannien und die Energiekrise von ‚Made in Germany‘.
Britische Hersteller warnen: Wenn die Industriestrompreise nicht gesenkt werden, drohen Verluste von 85 Milliarden Pfund. Aus Sicht der deutschen Industrie sind die Energiekosten zu einer Schlüsselvariablen für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Fertigungsindustrie geworden, und Deutschland steht ebenfalls vor strukturellen Herausforderungen.
Einleitung
Wenn britische Hersteller warnen, dass die jährlichen Verluste bis zu 85 Milliarden Pfund betragen könnten, falls die Strompreise für die Industrie nicht gesenkt werden, sollte die deutsche Industrie dies als Spiegelbild betrachten. Die Probleme Großbritanniens – Gaspreismechanismus, politische Zuschläge auf den Strompreis, langsame Netzanbindung – existieren in Deutschland ebenfalls, teilweise sogar in ausgeprägterer Form. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) betont seit langem, dass die Energiekosten eine der größten Bedrohungen für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland darstellen.
Hintergrund
Im Juli 2024 veröffentlichte der britische Industrieverband Make UK gemeinsam mit Ecotricity den Bericht „Von der Krise zur Stabilität: Ein zukünftiges Energiesystem für die Industrie“. Der Bericht zeigt, dass bei 90 % der Hersteller die Energiekosten seit 2022 zumindest moderat gestiegen sind; 13 % der Unternehmen gaben an, dass weitere Preiserhöhungen ihren Fortbestand gefährden würden. Ein Rückgang der Industrieproduktion um 13 % würde der britischen Wirtschaft jährlich 85 Milliarden Pfund kosten. Der Bericht fordert unter anderem die Verlagerung der Stromsteuerlast auf die allgemeine Besteuerung und eine beschleunigte strukturelle Reform des Strommarktes.
Analyse der tieferen Ursachen
Die Hauptursachen für die hohen Industriestrompreise in Großbritannien ähneln denen in Deutschland stark:
1. Grenzkostenpreismechanismus: Der britische Strommarkt wird durch den Gaspreis als Grenzpreis bestimmt, sodass die Kostenvorteile CO₂-armer Stromerzeugung nicht an die Verbraucher weitergegeben werden. Auch Deutschland verwendet die Grenzpreisbildung über die europäische Strombörse; obwohl der Anteil erneuerbarer Energien bereits über 50 % liegt, dominiert die Gasverstromung weiterhin die Preisbildung. 2. Politische Kostenbelastung: In Großbritannien werden politische Kosten wie Subventionen für erneuerbare Energien auf den Strompreis aufgeschlagen. In Deutschland gibt es ähnliche Umlagen (wie die EEG-Umlage, die in den letzten Jahren zwar gesenkt wurde), Netzentgelte und CO₂-Kosten, die die Industriestrompreise um ein Vielfaches höher machen als in den USA oder China. 3. Veraltete Netze und langsame Anbindung: Großbritannien leidet unter langen Warteschlangen für den Netzanschluss. Auch in Deutschland kommt es aufgrund der schleppenden Netzerweiterung zeitweise zu Abregelung von erneuerbarer Energie, und der Süden ist auf Windstrom aus dem Norden angewiesen, was zu hohen Netzengpasskosten führt.
Diese strukturellen Faktoren führen gemeinsam zu den weltweit höchsten und stark schwankenden Industriestrompreisen in Europa.
Auswirkungen auf die deutsche Industrie
Deutschland als europäisches Industriezentrum ist unmittelbar von den hohen Industriestrompreisen betroffen.
- Verlust der Kostenwettbewerbsfähigkeit: Die deutschen Industriestrompreise liegen selbst nach Abzug von Entlastungen noch etwa doppelt so hoch wie in den USA und rund 30 % höher als in Frankreich. Für stromintensive Branchen wie Chemie, Stahl und Papier können die Energiekosten 10–20 % der Gesamtkosten ausmachen; hohe Strompreise schwächen direkt die Rentabilität und die Investitionsfähigkeit.
- Risiko von Investitionsabwanderung: In den letzten Jahren haben deutsche Chemie-Giganten wie BASF und Stahlkonzerne wie ThyssenKrupp ihre Produktion in Nordamerika oder China ausgeweitet – dabei spielen Energiekosten eine wichtige Rolle. Bleiben die Strompreise dauerhaft hoch, droht Deutschland eine Deindustrialisierung, insbesondere bei energieintensiven Grundstoffindustrien.
- Innovations- und Transformationsdruck: Obwohl Deutschland stark auf Wasserstoff und Elektrifizierung setzt, machen die hohen Strompreise Verfahren wie Power-to-H₂ teuer und verlangsamen den industriellen Dekarbonisierungsprozess. Gleichzeitig zögern KMU trotz Bereitschaft zu Effizienzinvestitionen aufgrund von sinkenden Gewinnmargen.## Europa und globale Auswirkungen
Die Situation Deutschlands ist kein Einzelfall. Die gesamte europäische Fertigungsindustrie leidet unter Nachteilen bei den Energiekosten. Der EU-Kohlenstoffgrenzausgleichsmechanismus (CBAM) versucht zwar, die Kohlenstoffkosten anzugleichen, ist jedoch gegenüber Preisunterschieden bei Strom wirkungslos. Frankreich profitiert von durch Kernkraft gedämpften Strompreisen, während andere EU-Staaten weiterhin unter Druck stehen. Dies könnte zu einer Verlagerung des industriellen Schwerpunkts innerhalb Europas führen und die Neugestaltung der globalen Fertigungslandkarte beschleunigen – Regionen mit niedrigen Strompreisen wie Nordamerika, der Nahe Osten und China ziehen europäisches Kapital an.
Darüber hinaus schwächen hohe Strompreise den Vorteil europäischer Unternehmen bei globalen grünen Industrieprodukten (z. B. CO2-armer Stahl, grüne Chemikalien) als First Mover. Wenn kein kostengünstiger sauberer Strom bereitgestellt werden kann, wird das europäische „Grüne“-Label keine Wettbewerbsfähigkeit auf dem Markt haben.
Langzeittrends
In den nächsten 3-10 Jahren wird sich die industrielle Energielandschaft Deutschlands mehreren wichtigen Wendepunkten gegenübersehen:
1. Strommarktreform: Die deutsche Regierung hat bereits über die Abschaffung der Grenzpreisbildung, die Einführung von „Knotenpreisen“ oder Sonderstrompreisen für Industriekunden diskutiert, aber der politische Widerstand ist enorm. Der britische Fall könnte die Diskussion auf EU-Ebene beschleunigen, aber substanzielle Fortschritte könnten mehr als 5 Jahre dauern. 2. Direktversorgung mit erneuerbaren Energien: Große Unternehmen umgehen die Marktstrompreise durch Stromabnahmeverträge (PPA) oder den Bau eigener Anlagen für erneuerbare Energien – dies ist bereits ein Trend. Kleine und mittlere Unternehmen haben jedoch weniger Verhandlungsmacht und sind weiterhin auf das öffentliche Netz angewiesen. 3. Verzögerte Wasserstoffwirtschaft: Grüner Wasserstoff gilt als ultimative Lösung für die industrielle Dekarbonisierung, aber wenn die Kosten für die Elektrolyse aufgrund hoher Strompreise nicht sinken, werden die deutschen Wasserstoffziele für 2030 verfehlt und man wird auf Importe angewiesen sein. 4. Neugestaltung der Industriestruktur: Energieintensive Unternehmen könnten weiter abwandern, und die deutsche Fertigung wird sich in Richtung hochwertiger, energiearmer Spezialfertigung, Maschinenbau, Automobilelektronik usw. verlagern. Dies ist nicht vollständig pessimistisch, erfordert jedoch unterstützende politische Maßnahmen.
Fazit
Die Zahl der britischen Verluste von 85 Milliarden Pfund sollte nicht als isoliertes Ereignis betrachtet werden. Sie offenbart die strukturellen Schmerzen der europäischen Industrie in der Energiewende. Wenn die deutsche Fertigung ihre führende Position behalten will, muss sie die Energiekosten zu einem Kernthema der nationalen Industriestrategie machen – nicht nur durch Subventionen, sondern durch grundlegende Marktdesignreformen. In den nächsten zehn Jahren wird die Energie wettbewerbsfähigkeit ebenso wichtig sein wie die technologische Wettbewerbsfähigkeit.
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