Exportfertigung
Die deutsche Industrie verliert sich in der Ebbe der „China-Dividende“: strukturelle Weichenstellung vor dem EU-Gipfel.
Dieser Artikel basiert auf der Expertenanalyse des HCSS und untersucht eingehend die Handelsdilemmata, mit denen die deutsche Industrie am Vorabend des EU-Gipfels im Handel mit China konfrontiert ist. Im Mittelpunkt steht die Analyse der strukturellen Gründe, warum Kernindustrien wie Automobil, Maschinenbau und Chemie von Überschüssen zu Defiziten übergegangen sind, sowie Deutschlands Zwickmühle zwischen Industrieinteressen und politischem Druck. Darüber hinaus werden die langfristigen Auswirkungen auf die europäische Industriepolitik und die globale Wettbewerbslandschaft im verarbeitenden Gewerbe bewertet.
„Blutverlust“ im industriellen Herzland Deutschlands
Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU diese Woche erneut in Brüssel zusammenkommen, um über die Außenwirtschaftspolitik zu beraten, steht Berlin längst nicht mehr vor einer einfachen Frage der Positionswahl. Nach einer Expertenanalyse des niederländischen Strategieforschungsinstituts HCSS sind die drei als „Kernzonen“ bezeichneten Industriesektoren Deutschlands – Automobil, Maschinenbau und Chemie – seit 2023 vollständig in ein Handelsdefizit geraten; bis 2025 summiert sich das Netto-Defizit auf rund 60 Milliarden US-Dollar. Die Zukunft der deutschen Industrie hängt derzeit nicht nur von einem Gipfel ab, sondern davon, ob sie sich einer zerfallenden Industriestruktur stellen kann.
Von Komplementarität zu Konfrontation: der qualitative Wandel der chinesisch-deutschen Industriebeziehungen
Jahrzehntelang beruhte die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auf einer scheinbar stabilen Komplementärstruktur: Der chinesische Markt bot enorme Nachfrage, Deutschland lieferte hochwertige Fertigungsanlagen und Präzisionsprodukte. Doch diese Struktur wird durch die aktive Neuausrichtung der chinesischen Industriepolitik aufgebrochen. Die chinesische Regierung ermutigt öffentliche Beschaffung und Staatsunternehmen, in Schlüsselbereichen bevorzugt inländische Alternativen zu wählen; auf Märkten wie Smartphones und Kommunikationsausrüstung ist ein deutlicher Trend zur inländischen Substitution zu beobachten. Gleichzeitig stehen EU-Unternehmen in China vor Marktzugangsbarrieren und Hindernissen bei Beschaffungsverträgen. Auch die vom HCSS zitierte jährliche Geschäftsklimaumfrage der EU-Handelskammer bestätigt diesen Trend.
Der tiefere strukturelle Wandel besteht darin, dass China nicht mehr nur ein „Produktexporteur“ ist, sondern in Hochtechnologiebereichen mit wirksamen Zöllen – etwa bei Fahrzeugen mit neuer Energie, Kommunikationsausrüstung und Elektronikprodukten – zum direkten Konkurrenten deutscher Exporte geworden ist. Vor zehn Jahren wies die EU noch deutliche Überschüsse bei Kraftfahrzeugen und Maschinenexporten auf, auch die Chemieindustrie verzeichnete zeitweise einen kleinen Überschuss. Doch das Jahr 2023 nach der Pandemie wurde zu einem entscheidenden Wendepunkt. Personenkraftwagen, schwere Maschinen, Autoteile, Mähdrescher, chemische Vorprodukte und Batterien begannen massenhaft in den EU-Binnenmarkt zu strömen; dieser Trend hat sich von 2024 bis 2025 weiter verstärkt.
Das ist der typische „China-Schock 2.0“ – anders als die Verlagerung von Niedrigtechnologie-Fertigung vor mehr als einem Jahrzehnt findet dieser Wettbewerb in den hochwertigen Bereichen statt, auf die die deutsche Industrie am stolzesten ist.
Das Dilemma von „Made in Germany“: Marktabhängigkeit und Wettbewerbsdruck
Eigentlich müsste Deutschland, als Standort mit den größten Produktionsstätten dieser Branchen, die treibende Kraft sein, um die EU zu stärkeren handelspolitischen Verteidigungsmaßnahmen zu drängen, wenn die Kernindustrien einem so deutlichen Wettbewerbsdruck ausgesetzt sind. Doch Berlin zeigt sich ungewöhnlich zögerlich. Bundeskanzler Merz hat einerseits Peking persönlich besucht, Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping getroffen und wurde von einer Wirtschaftsdelegation begleitet; andererseits bezeichnete er in seinen Aussagen die EU-China-Handelsbeziehungen als „ungesund“. Dieses Schwanken spiegelt die tief verwurzelte doppelte Abhängigkeit der deutschen Industrie wider: China ist nicht nur Absatzmarkt, sondern auch Produktionsstandort und Lieferketten-Drehscheibe für viele Unternehmen.Diese Abhängigkeit bringt jedoch immer weniger Vorteile. Einerseits verliert China als „Markt mit enormer Nachfrage“ an Attraktivität: Im Rahmen des qualitätsorientierten Wachstumsmodells verringern binnenwirtschaftliche Substitutionspolitiken die Chancen ausländischer Unternehmen bei Ausschreibungen. Andererseits stagniert das deutsche Wirtschaftswachstum seit 2022 nahezu, der Exportmotor stottert, das BIP-Wachstum ist minimal. Das HCSS weist darauf hin, dass die wirtschaftliche Talfahrt ein Nährboden für den Aufstieg der rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD) sein könnte und damit die politische Stabilität ganz Europas beeinflussen würde. Wirtschaftliche Probleme und geopolitische Themen überlagern sich, der wirtschaftspolitische Spielraum Deutschlands wird rasch kleiner.
Die „europäische Stunde“ der Industriepolitik: Deutschland handelt nicht länger allein
Die Misere der deutschen Industrie ist zugleich die Krise der europäischen Lieferketten. Wenn es Deutschland nicht gelingt, die Wirtschaftsbeziehungen zu China auf EU-Ebene abgestimmt neu zu gestalten, können auch andere Mitgliedstaaten kaum eine einheitliche und handlungsfähige EU-Industriepolitik erwarten. Tatsächlich stehen viele europäische Länder bereits unter dem Druck eigener politischer Polarisierung. Wenn Deutschland sich aus wirtschaftlichem Druck nach innen kehrt, schwächt das direkt die Entscheidungsfähigkeit der gesamten EU.
Daher liegt die Bedeutung dieses EU-Gipfels nicht darin, ob eine konkrete Maßnahme gegen China verabschiedet wird, sondern darin, ob Deutschland endlich bereit ist, von der „Marktlogik“ zur „strategischen Logik“ überzugehen. In seiner Analyse fordert das HCSS eine „wirtschaftliche Zeitenwende“ für Europa – und Deutschland sollte dabei der Vorreiter sein, nicht der Bremser.
Die nächsten 3–10 Jahre: Der industrielle Umbau ist unvermeidlich
Selbst wenn dieser EU-Gipfel in dieser Woche einen gewissen Konsens erzielt, lässt sich der tiefgreifende Wandel der deutschen Industrie nicht von heute auf morgen bewerkstelligen. Absehbar ist, dass sich Deutschland in den kommenden Jahren mehreren langfristigen Trends stellen muss:
- Beschleunigter Umbau der Lieferketten: Das „De-Risking“ an kritischen Stellen wird vorangetrieben, allerdings um den Preis höherer Produktionskosten und Investitionen in die Diversifizierung der Lieferanten.
- Stärkere Industriepolitik: Auf EU-Ebene könnten klarere Industrieprämien und handelspolitische Schutzinstrumente eingeführt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit von „Made in Europe“ zu sichern.
- Industrie 4.0 und neue Fertigungsmodelle: Deutschland wird die digitale Transformation beschleunigen müssen, um mit intelligenter Fertigung die Nachteile bei Arbeitskosten und Marktgröße auszugleichen. Technologische Umbrüche bei Werkzeugmaschinen, Automatisierung und industrieller KI könnten ein Fenster für Deutschlands Wiedergewinn von Wettbewerbsvorteilen öffnen.
- Energiekosten und grüner Wandel: Energiepreise und Dekarbonisierung werden die Gesamtwettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie beeinflussen, insbesondere in energieintensiven Sektoren wie Chemie und Stahl.
- Multipolare globale Wettbewerbslandschaft: Neben China bauen auch die USA und Südostasien ihre Fertigungsstandorte aus. Die Globalisierungsstrategie deutscher Unternehmen wird sich von der „Abhängigkeit von einem einzelnen Markt“ hin zu einem „ diversifizierten Netzwerk“ verlagern.Letztendlich hängt die Zukunft der deutschen Industrie nicht von einem einzelnen Gipfeltreffen ab, sondern davon, ob sie nüchtern erkennt: Das alte Modell „Marktzugang gegen Technologie, Exporte als Wachstumsmotor“ hat ausgedient. Zukunftsfähige Wettbewerbsfähigkeit muss auf den Grundpfeilern technologischer Innovation, industrieller Souveränität und strategischer Synergie aufbauen. Für die EU wiederum ist ein Deutschland, das den Mut zu strategischen Entscheidungen hat, weitaus wertvoller als ein unentschlossen schwankendes Deutschland.
---
Informationsquelle: Expert Analysis | Germany’s Industrial Future hangs in the balance at this week's EU Summit - HCSS
Datensatz und Grenzen · germanmfgnews
germanmfgnews stellt diesen Hinweis in German Manufacturing News veroeffentlicht mehrsprachige Analysen und Briefings.; die Quellenlinks sollten vor jeder Wiederverwendung der Zusammenfassung geöffnet werden. Daten, Namen und Statuswechsel bleiben zu prüfen: Industrie Deutschland / Automobil & Mobilitaet / Industrie 4.0 erklärt den lokalen redaktionellen Blick.